Badetag - Eine Kurzgeschichte

Badetag - Eine Kurzgeschichte

Sommer, Mitte der achtziger Jahre, am Hallmarkt im Herzen von Halle, genau gegenüber der Stadtbibliothek, hält er schon, der Bus zum Heidebad.

Es ist ein Ikarus 55, kantig, lang gestreckt, mit seinem unverwechselbaren Auftreten. Unter den Fahrern heißt er sachlich „Typ 55“, doch im Volksmund trägt er einen ganz anderen Namen: „die Rakete“. Nicht etwa, weil er besonders schnell wäre, sondern wegen seines Motors, der laut und unüberhörbar im Heck arbeitet, als wolle er sich jeden Moment aus dem Bus befreien.

Obwohl der Motor hinten sitzt, liegt eine dichte Dieselwolke im Innenraum. Ein schwerer, öliger Geruch, der sich mit der warmen Sommerluft vermischt und den Bus erfüllt, als gehöre er untrennbar zu dieser Fahrt.

Vor der Tür hat sich eine lange Schlange gebildet, solang, dass man kaum glauben kann, sie passe jemals vollständig in diesen einen Bus. Menschen stehen dicht an dicht, mit großen Taschen, Proviant, Decken, und dazwischen jene Unerschrockenen, die ihre Schwimmringe bereits aufgeblasen haben und nun damit wie bunte Hindernisse durch die Menge drängen.

Jeder will hinein. Jeder weiß: Der nächste Bus lässt auf sich warten.

Nur die Kinder verhalten sich anders.

Während Erwachsene nach vorn drängen, bleiben sie bewusst zurück. Sie lassen sich nach hinten treiben, als folgten sie einem unausgesprochenen Gesetz. Ausgerechnet hier wollen sie die Letzten sein. Warum, das kann keiner so recht erklären. Vielleicht ist es der Reiz des letzten Augenblicks, vielleicht ein stiller Wettbewerb, vielleicht einfach das Gefühl, gegen die Ordnung zu spielen.

Und tatsächlich: Sie schaffen es.

Im letzten Moment quetschen sie sich noch hinein, zwischen Taschen und Körpern, während die Türen sich bereits mit einem Quietschen der Gummidichtungen schließen. Ein kurzes Zischen, ein dumpfes Geräusch, und der Bus ist voll. Übervoll.

Drinnen gibt es keinen Platz mehr.

Und dann dieser Geruch. Diesel, schwer und ölig, vermischt mit heißem Gummi und dem metallischen Atem eines Fahrzeugs, das schon zu viele Sommer gesehen hatte.

Der Bus ruckt an, der Motor dröhnt, das ganze Fahrzeug schaukelt sich durch die Straßen hinaus aus der Stadt.

So beginnt die Fahrt zum Heidebad Halle.

Die Kinder halten ihr Fahrgeld fest in den Händen.

Doch die Zahlbox ist unerreichbar. Zu weit vorn, zu viele Menschen dazwischen. Niemand fragt, ob man das Geld nach vorn reichen soll. Niemand fühlt sich zuständig. Es ist keine Absicht, keine böse Absicht, eher ein stilles Hinnehmen der Umstände.

Man steht dicht gedrängt, Körper an Körper, so eng, dass jeder unweigerlich den anderen berührt. Schultern stoßen aneinander, Arme suchen Halt, fremde Hände greifen nach denselben Stangen.

Heute würde man darüber diskutieren, vielleicht wäre es heute sogar für einige der Fahrgäste ein Fall für den Richter, damals war es schlicht Alltag, ganz normaler Nahverkehr!

Doch er fährt nicht bis zum Eingang.

Wie so oft hält der Ikarus 55 oben an der Straße. Alle steigen aus, einer nach dem anderen, erleichtert über den gewonnenen Raum. Dann geht es zu Fuß weiter, den Weg hinunter zum Bad, über die heiße Kopfsteinpflasterstraße.

Der Bus jedoch bleibt nicht stehen.

Leer geworden fährt er hinab, an seinen Fahrgästen vorbei, zum eigentlichen Eingang, um dort die wartenden Badegäste aufzunehmen, die zurück in die Stadt wollen. Ein eingespielter Ablauf, fast wie ein Uhrwerk, das jeden Sommertag aufs Neue funktioniert.

Und die Rückfahrt?

Ob der Bus dann genauso voll ist, weiß niemand so genau. Doch eines ist sicher: Auf dem Heimweg mussten die Kinder bisher immer zahlen. Warum es ausgerechnet dann möglich war, bleibt ein kleines Rätsel.

𝐌𝐞𝐡𝐫 𝐍𝐞𝐰𝐬 𝐚𝐮𝐟 news24aktuell.de

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