Der Bornhöck bei Raßnitz - Der verschwundene Grabhügel der Aunjetizer Kultur
Vor nahezu 4.000 Jahren erhob sich in der Landschaft bei Raßnitz, heute einem Ortsteil der Gemeinde Schkopau im Saalekreis, ein gewaltiges Monument. Der Bornhöck war mit einem Durchmesser von rund 65 Metern und einer ursprünglichen Höhe von etwa 12 bis 15 Metern einer der größten bekannten Grabhügel der europäischen Frühbronzezeit. Im 19. Jahrhundert wurde er fast vollständig abgetragen und verschwand aus der Landschaft. Was lange Zeit verloren schien, wurde seit 2014 durch die Forschungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Stück für Stück wiederentdeckt.
Heute, nach mehr als einem Jahrzehnt archäologischer Untersuchungen, hat sich die Bedeutung des Bornhöck noch erheblich vergrößert. Die Ergebnisse der Grabungen und der späteren Laboruntersuchungen zeigen, dass es sich nicht lediglich um einen besonders großen Grabhügel handelte. Der Bornhöck eröffnet einen außergewöhnlichen Blick auf die Machtstrukturen, die Organisation und die weitreichenden Verbindungen der frühbronzezeitlichen Gesellschaft Mitteldeutschlands.
In der frühen Bronzezeit lässt sich in Mitteldeutschland erstmals eine deutlich hierarchische Gesellschaftsstruktur fassen. An ihrer Spitze standen Herrscher oder Angehörige einer Elite, die sich durch außergewöhnlich reiche Grabausstattungen und monumentale Bestattungsanlagen von der übrigen Bevölkerung abhoben. Über mehrere Jahrhunderte entstanden große Grabhügel, die von einer gesellschaftlichen Ordnung zeugen, in der Macht, Reichtum und politische Bedeutung sichtbar in der Landschaft dargestellt wurden.
Der Bornhöck nimmt unter diesen Monumenten eine herausragende Stellung ein. Er ist jünger als das berühmte Fürstengrab von Leubingen, dessen Bestattung in das Jahr 1942 v. Chr. datiert wird. Auch das bedeutende Fürstengrab von Helmsdorf mit einer Datierung um 1840 v. Chr. gehört einer älteren oder zumindest früheren Phase dieser Entwicklung an. Der Bornhöck entstand wahrscheinlich im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts v. Chr. und gehört damit in jene Zeit, in der die Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland ihren Höhepunkt erreichte. Damit rückt der Bornhöck unmittelbar in die Welt der Himmelsscheibe von Nebra.
Ob der hier bestattete Herrscher tatsächlich etwas mit der Entstehung, dem Besitz oder der Nutzung der Himmelsscheibe zu tun hatte, lässt sich bis heute nicht beweisen. Doch zeitlich und gesellschaftlich gehört der Bornhöck eindeutig in dieselbe Epoche. Die außergewöhnliche Größe des Grabes und die überregionale Bedeutung der hier bestatteten Persönlichkeit machen es durchaus denkbar, dass der sogenannte Fürst vom Bornhöck zur politischen und wirtschaftlichen Elite jener Welt gehörte, aus der auch die Himmelsscheibe hervorging.
Die frühen Untersuchungen seit 2014 und insbesondere die Grabungskampagnen der folgenden Jahre brachten eine Reihe außergewöhnlicher Erkenntnisse. Eine besondere Sensation waren die im Bereich des Grabhügels entdeckten Fahrspuren frühbronzezeitlicher Wagen. Sie konnten über eine Strecke von rund 27 Metern nachgewiesen werden und stammen offenbar unmittelbar aus der Zeit des Hügelbaus. Die Wagen wurden von Rindergespannen gezogen und besaßen eine Spurbreite von etwa 1,2 Metern. Diese Spuren sind von besonderer Bedeutung, weil sie nicht nur den Einsatz von Fahrzeugen während der Bauarbeiten belegen. Sie geben zugleich einen seltenen unmittelbaren Einblick in die Organisation eines monumentalen Bauprojektes vor fast 4.000 Jahren.
Der Bornhöck war kein Grab, das von wenigen Menschen errichtet werden konnte. Für seine Entstehung mussten gewaltige Mengen Material bewegt werden. Etwa 20.000 Kubikmeter Erde wurden aufgeschüttet. Dabei verwendeten die Erbauer nicht einfach nur Material aus der unmittelbaren Umgebung. Untersuchungen zeigten, dass große Mengen aus einem frühbronzezeitlichen Siedlungs- oder Wirtschaftsbereich stammten. Mit der Erde gelangten tausende Tierknochen und Keramikfragmente in den Grabhügel. Bereits während der Grabungskampagnen wurden mehr als 10.000 Funde einzeln dokumentiert. Etwa zwei Drittel davon bestanden aus Tierknochen, etwa ein Drittel aus Gefäßscherben. Der Grabhügel wurde somit gewissermaßen aus Teilen einer älteren Lebenswelt errichtet.
Ob es sich bei dieser Siedlung möglicherweise um einen unmittelbar mit dem bestatteten Herrscher verbundenen Ort handelte, ist eine der Fragen, die die wissenschaftliche Untersuchung weiterhin beschäftigt. Sicher ist jedoch, dass der Bau des Bornhöck eine enorme organisatorische Leistung erforderte. Hinzu kommt eine weitere außergewöhnliche Beobachtung: In den Aufbau des Hügels wurden offenbar große Mengen zerbrochener Mahlsteine einbezogen. Nach späteren Berechnungen könnten ursprünglich die Fragmente von etwa 550 bis 600 großen Mahlsteinen in der Anlage verwendet worden sein. Mahlsteine waren in der damaligen Zeit keineswegs wertlose Gegenstände. Ihre Herstellung war aufwendig, ihre Funktion für die Versorgung der Menschen elementar. Ihre bewusste Einbeziehung in ein monumentales Grab könnte deshalb eine symbolische Bedeutung gehabt haben, die heute noch nicht vollständig verstanden ist.
Der Bornhöck war also nicht nur ein gewaltiger Erdhügel über einer Grabkammer. Sein gesamter Aufbau scheint bewusst gestaltet worden zu sein. Im Mittelpunkt des Monuments befand sich eine hölzerne Grabkammer, die bereits vor langer Zeit – wahrscheinlich schon im Mittelalter – beraubt worden war. Als die Archäologen den zentralen Bereich des Hügels untersuchten, zeigte sich jedoch, dass die Dimensionen der Grabkammer selbst die der bekannten Fürstengräber von Leubingen und Helmsdorf übertrafen.
Die Untersuchungen der vergangenen Jahre konnten das Bild dieser Anlage noch erheblich präzisieren. Die Reste der Grabkammer wurden nicht nur auf der Grabung untersucht. Teile des außergewöhnlich empfindlichen Befundes konnten in großen Blöcken geborgen und anschließend unter kontrollierten Bedingungen im Labor des Landesamtes weiter untersucht werden. Diese aufwendige Methode ermöglichte eine wesentlich genauere Analyse der Konstruktion.
Nach den inzwischen gewonnenen Erkenntnissen besaß die Grabkammer außen ungefähr 5,8 mal 3,5 Meter. Der Innenraum war etwa 5,3 mal 2,7 Meter groß. Die Konstruktion erreichte vermutlich eine Höhe von mindestens 2,5 Metern. Massive Eichenhölzer bildeten die Wände der Kammer. Drei mächtige Pfosten trugen offenbar eine dachartige Konstruktion mit einem First. Die Zwischenräume waren mit Ton abgedichtet, während für die Abdeckung wahrscheinlich Schilf verwendet wurde. Damit ist es heute möglich, sich die Grabkammer wesentlich genauer vorzustellen als noch während der ersten Grabungskampagnen. Gerade darin liegt eine der wichtigsten neueren Entwicklungen der Bornhöck-Forschung.
Obwohl das eigentliche Monument im 19. Jahrhundert weitgehend zerstört worden war und die Grabkammer bereits lange zuvor beraubt wurde, erlaubten die im Boden erhaltenen Spuren, Holzabdrücke und kleinsten Reste eine Rekonstruktion der ursprünglichen Architektur. Der Bornhöck ist damit heute einer der seltenen Fälle, in denen sich nicht nur die Größe eines frühbronzezeitlichen Fürstengrabes, sondern auch sein komplizierter baulicher Aufbau nachvollziehen lässt.
Die Dimensionen des gesamten Hügels spiegeln die außerordentliche Macht des oder der darin Bestatteten wider. Mit seinen rund 65 Metern Durchmesser übertraf der Bornhöck die meisten bekannten Grabhügel seiner Zeit. Vieles deutet darauf hin, dass der Hügel ursprünglich zudem weithin sichtbar gewesen sein könnte. Nach den Grabungsergebnissen bestand möglicherweise eine helle oder weiß gekalkte Oberfläche. Zusammen mit seiner außergewöhnlichen Höhe hätte der Bornhöck die Landschaft weithin beherrscht.
Er war damit nicht nur ein Ort der Bestattung. Er war ein politisches Monument.
Wer sich dem Gebiet näherte, musste diesen künstlich geschaffenen Hügel wahrgenommen haben. Die Macht des Herrschers blieb damit auch nach dessen Tod sichtbar. Der Bornhöck war Teil einer Landschaft, in der Herrschaft nicht nur ausgeübt, sondern buchstäblich in Erde, Stein und Architektur eingeschrieben wurde. Der organisatorische Aufwand für seine Errichtung war gewaltig. Menschen mussten mobilisiert, Material beschafft und transportiert, Wagen und Rindergespanne eingesetzt und die Arbeiten über einen längeren Zeitraum koordiniert werden.
Die Archäologie kann heute sogar Spuren dieser Arbeit nachvollziehen. Fahrspuren, Arbeitsflächen und die schichtweise Ablagerung des Materials lassen erkennen, dass der Bau des Bornhöck ein sorgfältig organisiertes Großprojekt war. Damit liefert der Fundplatz einen seltenen Einblick in die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten einer Gesellschaft, die lange vor schriftlichen Aufzeichnungen existierte.
Besonders eng ist der Bornhöck mit der sogenannten Reichtumsregion von Dieskau verbunden. Östlich von Halle wurden bereits seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche außergewöhnliche frühbronzezeitliche Funde bekannt. Waffen, Schmuck und andere wertvolle Gegenstände belegen einen erheblichen Reichtum und weitreichende Kontakte. Mit dem Bornhöck konnte dieser Landschaft erstmals ein monumentales Herrschergrab zugeordnet werden. Das verändert den Blick auf die Region erheblich.
Die zahlreichen Hortfunde erscheinen nun nicht mehr nur als verstreute Ansammlungen wertvoller Gegenstände. Sie können in einem größeren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet werden. Der Bornhöck könnte das Grab einer Persönlichkeit gewesen sein, die an der Spitze einer außergewöhnlich wohlhabenden und weit vernetzten Region stand.
Ein besonderes Zeugnis dieser Verbindungen ist ein sogenanntes Brotlaibidol. Dieses kleine Tonobjekt wirkt zunächst unscheinbar. Seine Bedeutung liegt jedoch in den auf seiner Oberfläche angebrachten Linien und Eindrücken. Vergleichbare Objekte sind vor allem aus Regionen des südlichen Mitteleuropas bekannt, darunter aus der heutigen Slowakei, Ungarn und Norditalien. Ihre genaue Funktion ist bis heute nicht vollständig geklärt. Möglicherweise standen sie mit Handelsvorgängen in Verbindung. Sie könnten als Kennzeichnungen, Siegel oder eine Art Informations- und Kontrollsystem gedient haben. Denkbar ist, dass sie Angaben über Waren oder Transporte enthielten.
Der Fund eines solchen Objektes im Umfeld des Bornhöck zeigt jedenfalls, dass diese Region nicht isoliert war. Über große Entfernungen wurden offenbar nicht nur Waren, sondern auch Informationen und möglicherweise gemeinsame Zeichen- und Verständigungssysteme ausgetauscht. Die Eliten der Aunjetitzer Kultur standen damit in Kontakt mit weit entfernten Regionen Europas.
Für den oder die Herrscher des Bornhöck bedeutet dies: Ihre Macht beruhte möglicherweise nicht allein auf der Kontrolle einer reichen lokalen Landschaft. Sie könnte auch mit überregionalen Handelsbeziehungen verbunden gewesen sein.
Eine weitere bis heute spannende Frage betrifft den berühmten Goldfund von Dieskau. Zeitlich fällt sein Auftauchen in das 19. Jahrhundert, also in jene Epoche, in der der Bornhöck abgetragen und zerstört wurde. Deshalb besteht seit Langem die Vermutung, dass zumindest Teile der in der Umgebung bekannt gewordenen Goldobjekte ursprünglich mit dem Grabhügel in Verbindung gestanden haben könnten. Ein endgültiger Beweis dafür liegt allerdings nicht vor.
Metallurgische Untersuchungen zeigen Verbindungen zu anderen frühbronzezeitlichen Fürstengräbern, insbesondere zu Leubingen und Helmsdorf. Eine direkte Verbindung zu den Goldauflagen der Himmelsscheibe von Nebra konnte dagegen bislang nicht nachgewiesen werden. Gerade hier bleibt die Forschung offen.
Auch die Frage, ob im Bornhöck nur eine einzelne Person oder möglicherweise mehrere Angehörige einer herrschenden Familie beziehungsweise Dynastie bestattet wurden, ist weiterhin von großem Interesse. Der schichtweise Aufbau des Hügels führte bereits während der früheren Untersuchungen zu Überlegungen, ob das Monument über einen längeren Zeitraum hinweg genutzt worden sein könnte. Die neuen Untersuchungen der Grabkammer und des gesamten Befundes ermöglichen es, solche Fragen künftig genauer zu untersuchen.
Der Bornhöck steht damit heute an einem entscheidenden Punkt der archäologischen Forschung. Die eigentlichen Grabungen haben nicht nur spektakuläre Funde geliefert, sondern eine riesige Menge an Material und Informationen hervorgebracht, deren wissenschaftliche Auswertung noch lange nicht abgeschlossen ist.
Und genau hier liegt der Unterschied zwischen einer archäologischen Entdeckung und ihrer eigentlichen Bedeutung.
Die Grabung legt Befunde frei.
Die Forschung beginnt danach erst richtig.
Die Laboruntersuchungen der geborgenen Grabkammer haben bereits gezeigt, wie viele Erkenntnisse sich noch aus scheinbar unscheinbaren Spuren gewinnen lassen. Holzreste, Abdrücke, Ton, Schilfspuren und die genaue Lage einzelner Konstruktionselemente ermöglichen heute eine Rekonstruktion, die während der Entdeckung des Bornhöck kaum für möglich gehalten worden wäre.
Auch die zahllosen Tierknochen und Keramikfragmente aus dem Hügel sind weit mehr als bloßes Fundmaterial. Sie können Auskunft über Ernährung, Tierhaltung, Wirtschaftsweise und möglicherweise über die Herkunft des Materials geben, das für den Bau des Monuments verwendet wurde. Der Bornhöck wird damit zunehmend zu einem archäologischen Archiv der frühbronzezeitlichen Gesellschaft.
Eine der jüngsten öffentlichen Entwicklungen unterstreicht diese gewachsene Bedeutung. Im Jahr 2025 wurde der Bereich zur Frühbronzezeit im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle neu gestaltet und unter dem Titel „Bronzerausch“ wieder eröffnet. Der Bornhöck nimmt in dieser Präsentation eine wichtige Stellung ein und wird gemeinsam mit den großen Fürstengräbern von Leubingen und Helmsdorf in den größeren Zusammenhang der Aunjetitzer Kultur eingeordnet.
Damit hat sich der Blick auf den Fundplatz endgültig verändert. Der Bornhöck ist nicht mehr nur der im 19. Jahrhundert verschwundene Grabhügel bei Raßnitz. Er gehört heute zu den wichtigsten Schlüsselmonumenten für das Verständnis der europäischen Frühbronzezeit.
Hier lassen sich Fragen untersuchen, die weit über eine einzelne Bestattung hinausgehen: Wie entstanden die ersten ausgeprägten Machtstrukturen? Wie wurden große Bauprojekte organisiert? Welche Rolle spielten Handel und Fernkontakte? Wie weit reichten die Netzwerke der damaligen Eliten? Und welche Bedeutung hatten monumentale Gräber für die politische Ordnung ihrer Zeit?
Vielleicht wurde im Bornhöck tatsächlich einer der mächtigsten Herrscher der Aunjetitzer Kultur bestattet. Sein Name ist verloren. Sein Grab wurde beraubt. Sein gewaltiger Hügel wurde im 19. Jahrhundert abgetragen und aus der Landschaft ausgelöscht. Doch gerade durch die moderne Archäologie ist dieses verschwundene Monument heute wieder sichtbar geworden.
Nicht als rekonstruierter Hügel allein, sondern als Zeugnis einer Gesellschaft, die bereits vor fast 4.000 Jahren über erstaunliche organisatorische Fähigkeiten, weitreichende Kontakte und eine ausgeprägte politische Hierarchie verfügte. Der Bornhöck bei Raßnitz ist deshalb weit mehr als ein archäologischer Fundplatz im Saalekreis. Er ist ein Fenster in eine Zeit, in der Mitteldeutschland offenbar zu den bedeutenden Macht- und Wirtschaftsregionen Europas gehörte – und möglicherweise tatsächlich eines der Zentren jener frühbronzezeitlichen Welt bildete, aus der auch die Himmelsscheibe von Nebra hervorging.
Die Forschung ist dabei noch keineswegs abgeschlossen. Gerade die detaillierten Laboruntersuchungen der Grabkammer, die Analyse der gewaltigen Fundmengen und die weitere Auswertung der Bau- und Landschaftsbefunde versprechen in den kommenden Jahren weitere Erkenntnisse.
Der Bornhöck hat sein letztes Geheimnis noch lange nicht preisgegeben.
Quelle:
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
– Landesmuseum für Vorgeschichte –
𝐌𝐞𝐡𝐫 𝐍𝐞𝐰𝐬 𝐚𝐮𝐟 news24aktuell.de
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