Dessaus verborgene Kunstschätze - Wie die DDR-Zeit das Stadtbild prägte
Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt hat rund 200 Kunstwerke aus den Jahren 1949 bis 1990 erfasst. Die Ergebnisse erzählen von künstlerischer Vielfalt, den Herausforderungen des Wiederaufbaus und zahlreichen Werken, deren Geschichte erst jetzt wieder sichtbar wird.
Wer durch Dessau-Roßlau geht, begegnet ihnen möglicherweise, ohne sie bewusst wahrzunehmen: plastisch gestaltete Fassadenelemente, farbige Reliefs, Skulpturen in Grünanlagen und Kunstwerke, die mit Gebäuden, Plätzen und Wegen eine gestalterische Einheit bilden. Sie gehören zum Alltag der Stadt, sind Teil vertrauter Straßenansichten und haben sich über Jahrzehnte in das Stadtbild eingeschrieben. Doch hinter vielen dieser Arbeiten verbirgt sich eine Geschichte, die bislang nur teilweise bekannt war. Wer schuf sie? Unter welchen Bedingungen entstanden sie? Welche Vorstellungen hatten die Auftraggeber, welche künstlerischen Freiräume nutzten die Beteiligten, und wie veränderten sich die Werke im Laufe der Zeit? Diesen Fragen widmete sich ein Kooperationsprojekt der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Im Ratssaal des Dessau-Roßlauer Rathauses wurden die Ergebnisse der umfangreichen Erfassung und Erforschung der Kunst im öffentlichen Raum aus den Jahren 1949 bis 1990 vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass Dessau nicht nur über ein bedeutendes architektonisches Erbe verfügt, sondern auch über eine vielfältige künstlerische Hinterlassenschaft, deren Bedeutung sich erst erschließt, wenn man genauer hinsieht.
Seit Anfang 2025 beschäftigte sich das Projekt mit Kunstwerken, die in den vier Jahrzehnten zwischen dem Ende der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem Ende der DDR für das Stadtgebiet geschaffen worden waren. Insgesamt ließen sich 192 Werke von 55 Künstlerinnen und Künstlern nachweisen. Von diesen Kunstwerken sind nach dem Ergebnis der Erfassung 142 erhalten geblieben. Das entspricht ungefähr drei Vierteln des ursprünglich dokumentierten Bestandes. 116 Werke befinden sich weiterhin an ihrem ursprünglichen Standort. Andere wurden versetzt oder eingelagert. Bei einem Teil der übrigen Werke ist bekannt, dass sie nicht mehr existieren; in anderen Fällen ließ sich ihr Verbleib nicht zweifelsfrei klären. Dennoch konnten auch viele dieser verlorenen oder nicht mehr auffindbaren Arbeiten anhand historischer Fotografien, überlieferter Dokumente und neu ausgewerteter Archivunterlagen rekonstruiert und in den Bestand aufgenommen werden. Besonders häufig betreffen die Verluste Kunstwerke, die ursprünglich für Innenräume geschaffen worden waren.
Die Zahlen stehen für weit mehr als eine Bestandsaufnahme. Hinter jedem Eintrag verbirgt sich ein einzelnes Werk mit seiner eigenen Entstehungsgeschichte, seinen Urhebern, seinem Material, seiner Technik und seinen Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte. Für jedes Kunstwerk wurde ein eigener Datensatz angelegt. Er dokumentiert unter anderem den Standort, die Gattung, die verwendeten Materialien und Techniken, den Entwurf und die Ausführung, die Auftraggeber sowie die beteiligten Produktionsstätten. Hinzu kommen Informationen über die Künstlerinnen und Künstler, ausführliche Beschreibungen der Arbeiten und Angaben zu baulichen oder räumlichen Veränderungen seit ihrer Entstehung. Auf diese Weise sollte nicht allein festgehalten werden, was heute noch vorhanden ist. Vielmehr ging es darum, die Geschichte der Werke so weit wie möglich zurückzuverfolgen und sie in ihrem ursprünglichen Zusammenhang verständlich zu machen.
Dafür war eine umfangreiche Recherche notwendig. Bauakten, Verträge, Sitzungsprotokolle und andere archivalische Quellen wurden ebenso ausgewertet wie Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern sowie zeitgenössische Publikationen und Ausstellungskataloge. Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Künstlern und Künstlerinnen, ihren Angehörigen sowie den an den Bauvorhaben beteiligten Architektinnen und Architekten ergänzten die schriftliche Überlieferung. Gerade solche persönlichen Erinnerungen können Hinweise liefern, die in amtlichen Unterlagen fehlen: Wer arbeitete tatsächlich an einem Werk? Wie kam es zu einer bestimmten Gestaltung? Welche Änderungen wurden während der Ausführung vorgenommen? Und was geschah bei späteren Sanierungen mit der ursprünglichen Oberfläche?
Die Untersuchungen führten in mehreren Fällen zu neuen Erkenntnissen über die Urheberschaft einzelner Werke. Künstlerische Arbeiten, deren Zuordnung bisher nicht eindeutig gewesen war, konnten bestimmten Personen erstmals sicherer zugeschrieben werden. In anderen Fällen ließen sich frühere Annahmen überprüfen und teilweise korrigieren. Damit entstand ein wesentlich genaueres Bild davon, wie die Kunst im öffentlichen Raum Dessaus geplant, ausgeführt und über die Jahrzehnte verändert wurde.
Dass sich dieses Projekt gerade Dessau widmete, ist kein Zufall. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen zerstört. In den folgenden Jahrzehnten mussten Wohnungen, öffentliche Gebäude und Versorgungseinrichtungen neu geschaffen werden. Zugleich entwickelte sich Dessau zu einem wichtigen Industriestandort der DDR. Der Wiederaufbau veränderte die Stadt grundlegend. Neue Wohnhäuser, öffentliche Einrichtungen, Plätze und Grünanlagen entstanden, und mit ihnen wuchs ein Bestand an Kunstwerken, die nicht bloß als nachträgliche Dekoration gedacht waren. Sie sollten Teil der Architektur und der städtebaulichen Gestaltung werden.
Das Kunstschaffen jener Jahrzehnte stand dabei in einem besonderen Spannungsverhältnis. Die DDR war ein Staat, in dem Kultur und Kunst politischen und gesellschaftlichen Zielvorstellungen unterlagen. Neubauten wurden weitgehend mit staatlichen Mitteln finanziert. Für die künstlerische Ausgestaltung von Gebäuden war vielfach ein bestimmter Anteil der Bausumme vorgesehen. Kunstwerke im öffentlichen Raum sollten die gebaute Umwelt verschönern, Plätze und Wohngebiete gestalten und zugleich das Bild eines aufbauenden, zukunftsorientierten Sozialismus vermitteln. Die Auftraggeber formulierten häufig thematische Erwartungen und inhaltliche Vorgaben.
Doch innerhalb dieser Rahmenbedingungen entstand keineswegs ausschließlich eine einheitliche, schematische Staatskunst. Die nun untersuchten Werke zeigen vielmehr, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler mit ihren Aufgaben umgingen. Sie arbeiteten mit verschiedenen Materialien und Techniken, entwickelten eigene Formen und Motive und fanden individuelle Lösungen für die jeweiligen architektonischen Situationen. Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen prägten ihre Arbeit, bestimmten aber nicht jede gestalterische Entscheidung bis ins Einzelne. Zwischen Auftrag, Planung und handwerklicher Ausführung gab es Spielräume, die genutzt werden konnten.
Die Kunst sollte dabei in den Alltag der Menschen hineinwirken. Sie befand sich nicht nur in Museen oder eigens dafür geschaffenen Ausstellungsräumen, sondern an Hausfassaden, in Wohngebieten, auf Plätzen und in Parks. Sie gehörte zu den Orten, an denen Menschen wohnten, arbeiteten, einkauften oder ihre Freizeit verbrachten. Gebäude und Kunstwerke wurden deshalb häufig als zusammengehörige Bestandteile einer umfassenderen Gestaltung gedacht. Ein Relief an einer Fassade konnte die Wirkung eines Wohnhauses verändern; eine Skulptur in einem Park konnte mit Wegen, Durchgängen und den umliegenden Gebäuden in Beziehung treten. Erst im Zusammenspiel erschließt sich, wie die Stadt in diesen Jahrzehnten künstlerisch gestaltet werden sollte.
In Dessau kamen dabei unterschiedliche Einflüsse zusammen. Neben Künstlerinnen und Künstlern aus der Stadt selbst waren Kunstschaffende aus anderen Regionen der DDR beteiligt. Eine besondere Rolle spielten dabei die Künstler aus Halle und das Umfeld der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein. Hinzu kamen Entwürfe und Arbeiten aus weiteren Bezirken sowie aus Berlin. Auch bei der Herstellung waren nicht ausschließlich örtliche Werkstätten beteiligt; teilweise wirkten Betriebe und Werkstätten aus verschiedenen Teilen der DDR mit. Das Ergebnis war ein Bestand, der regionale Traditionen, überregionale Kontakte und unterschiedliche künstlerische Auffassungen miteinander verband.
Wie viel sich durch die genaue Untersuchung eines einzelnen Gebäudes über diese Zusammenhänge erfahren lässt, zeigte sich besonders eindrucksvoll am Dessauer Markt. Die dortigen Wohnhäuser entstanden Anfang der 1950er Jahre, als die Innenstadt nach den schweren Kriegszerstörungen dringend neuen Wohnraum benötigte. Am 7. März 1951 wurde der Grundstein für den ersten neuen Wohnbau gelegt. Für die Planung war der Dessauer Architekt Ulrich Alex Stamm verantwortlich. Er griff historische Bauformen auf und entwickelte Wohnblöcke, deren Fassaden durch auffällig gestaltete Erker geprägt wurden. Diese Elemente veränderten das Erscheinungsbild der ansonsten eher schlichten Wohnbauten und verliehen ihnen eine besondere, historisierende Wirkung.
Die Erker sind ein Beispiel dafür, wie Architektur und bildende Kunst bei der Gestaltung der wiederaufgebauten Innenstadt zusammenwirkten. Sie waren nicht einfach nur vorspringende Bauteile, sondern wurden mit künstlerischen Motiven versehen. Dadurch erhielten die Fassaden eine zusätzliche plastische und bildnerische Ebene. Wer heute an den Häusern vorbeigeht, sieht zunächst vielleicht nur eine ungewöhnliche Fassadengestaltung. Die genauere Betrachtung eröffnet jedoch einen Einblick in die Arbeitsbedingungen, Abstimmungen und gestalterischen Entscheidungen der frühen Nachkriegsjahre.
Die Forschungen zu den Erkern brachten eine bemerkenswerte Besonderheit ans Licht. Im November 1951 wurden Mittel für die künstlerische Ausgestaltung bereitgestellt. Insgesamt standen dafür ungefähr 12.000 Mark zur Verfügung. Beauftragt wurden der Bildhauer Martin Hadelich und ein Kollektiv von sechs Dessauer Künstlern.
Besonders aufschlussreich ist das Verhältnis zwischen dem ursprünglichen Auftrag und der tatsächlichen Ausführung. Die Verträge sahen die Gestaltung von insgesamt zehn Erkern vor. Am Ende wurden jedoch vierzehn künstlerisch gestaltet. Die beteiligten Künstler schufen also mehr, als ursprünglich vereinbart worden war. Weshalb es dazu kam, lässt sich aus den überlieferten Unterlagen nicht in jeder Einzelheit beantworten. Die Forschenden vermuten, dass die Beteiligten eine möglichst umfassende Gestaltung der Fassaden anstrebten und die künstlerische Einheit des Gebäudekomplexes wichtiger nahmen als die strikte Beschränkung auf die vereinbarte Zahl. Sicher ist jedenfalls, dass die Arbeiten über den zunächst festgelegten Umfang hinausgingen.
Auch die Entstehung der Entwürfe verlief nicht geradlinig. Im Januar 1952 wurden Vorschläge für die künstlerische Gestaltung vorgestellt. Nicht alle fanden die Zustimmung der Verantwortlichen; einige Entwürfe wurden abgelehnt, Überarbeitungen ebenfalls nicht akzeptiert. Schließlich sollten neue Entwürfe angefertigt werden. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die zunächst zurückgewiesenen Künstler anschließend vollständig aus dem Arbeitsprozess ausschieden. Die Untersuchung der Unterlagen deutet vielmehr darauf hin, dass Entwurf und Ausführung nicht immer klar voneinander getrennt werden können und dass die Künstler bei der Übertragung der Motive zusammenarbeiteten.
Genau an diesem Punkt zeigte sich der Wert der neuen Datenbank. Jeder einzelne Erker wurde als eigenes Objekt erfasst. So konnten die Forschenden die jeweilige Gestaltung mit Archivunterlagen, historischen Fotografien und den sichtbaren Merkmalen der Werke vergleichen. Bislang war die Urheberschaft nur für zwei Erker an der Ostseite, an den Häusern Zerbster Straße 6 und 8, sicher Martin Hadelich zugeschrieben worden. Da Hadelich ursprünglich für eine größere Zahl von Arbeiten beauftragt worden war, liegt die Vermutung nahe, dass weitere Erker ebenfalls auf ihn zurückgehen könnten. Die ursprüngliche Beauftragung allein reicht allerdings nicht aus, um diese Zuordnung für jedes einzelne Werk als gesichert anzusehen.
Die Recherche brachte darüber hinaus Hinweise auf weitere beteiligte Künstler. Durch den Abgleich von Dokumenten und historischen Aufnahmen konnten zusätzliche Arbeiten zugeordnet werden. Die neuen Erkenntnisse verdeutlichen, wie schwierig es sein kann, die Entstehung eines Kunstwerks Jahrzehnte später genau zu rekonstruieren. Ein Auftrag kann mehrere Künstler umfassen, Entwürfe können verändert werden, und die Ausführung kann in gemeinschaftlicher Arbeit erfolgen. Was heute wie eine einheitliche Fassadengestaltung erscheint, kann in Wirklichkeit das Ergebnis eines längeren Abstimmungsprozesses gewesen sein.
Auch die verwendeten Techniken erzählen von der Vielfalt der künstlerischen Arbeit. Einige Maler arbeiteten mit Ritztechniken, bei denen mehrere Putzschichten übereinander aufgetragen und unterschiedlich eingefärbt wurden. Durch gezielte Einschnitte kamen darunterliegende Schichten zum Vorschein, sodass Linien, Kontraste und Muster entstanden. Andere Künstler entwickelten ihre Motive aus größeren hellen und dunklen Flächen oder aus schmalen, eingeschnittenen Linien. Martin Hadelich arbeitete als Bildhauer mit tiefen Schnitten und plastisch geformten Oberflächen. Die Fassaden waren damit nicht allein durch Farbe gestaltet, sondern erhielten eine reliefartige Struktur, die je nach Lichteinfall unterschiedlich wirkte.
Diese Unterschiede sind heute nicht immer leicht zu erkennen. Spätere Restaurierungen und farbliche Überfassungen haben das Erscheinungsbild verändert. Nach den Ausführungen während des Rundgangs wurden die Erker in den 1980er Jahren im Zuge einer Restaurierungsmaßnahme farbig überarbeitet; eine weitere Veränderung der Farbigkeit erfolgte offenbar bei einer späteren Restaurierung um 2010 oder 2011. Die heutige Oberfläche zeigt daher nicht zwangsläufig den ursprünglichen Zustand. Um die ursprüngliche Gestaltung besser zu verstehen, müssen die sichtbaren Befunde mit historischen Fotografien und Dokumenten verglichen werden.
Gerade dieser Aspekt macht die Beschäftigung mit der Kunst der Nachkriegszeit zu einer besonderen Aufgabe. Ein Werk kann äußerlich erhalten sein und dennoch im Laufe der Jahre so stark verändert worden sein, dass seine ursprüngliche Wirkung nur noch teilweise erkennbar ist. Umgekehrt können Kunstwerke verschwunden sein, obwohl ihre Entstehung durch Fotos, Verträge oder andere Quellen gut dokumentiert ist. Die Erfassung des Dessauer Bestandes berücksichtigt deshalb nicht nur die heute vorhandenen Objekte, sondern auch ihre Geschichte, ihre Veränderungen und ihre Verluste.
Die Untersuchungen am Dessauer Markt machten außerdem deutlich, wie eng die künstlerische Gestaltung mit den praktischen Bedingungen des Wiederaufbaus verbunden war. Nach den Zerstörungen des Krieges herrschte großer Bedarf an Wohnraum. Die Stadt musste schnell neue Wohnungen und Versorgungseinrichtungen schaffen, während die finanziellen Mittel begrenzt waren. Umso bemerkenswerter ist, dass die Fassaden nicht ausschließlich funktional gestaltet wurden. Die Erker erhielten eine künstlerische Ausarbeitung, die den Wohnhäusern einen eigenen Charakter verlieh. Die Beteiligten nutzten offenbar die vorhandenen Möglichkeiten, um über die reine Wiederherstellung des Wohnraums hinaus eine gestalterische Einheit zu schaffen.
Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Frage, welche Vorschriften für die Finanzierung von Kunst am Bau galten. Im August 1952 erging in der DDR eine Anordnung über die künstlerische Ausgestaltung von Verwaltungsbauten. Sie sah vor, einen Anteil von ein bis zwei Prozent der Baukosten für künstlerische Arbeiten vorzusehen. Die Regelung bezog sich ausdrücklich auf Verwaltungs-, Kultur- und Sozialbauten, nicht aber auf Wohngebäude, die unmittelbar Wohnzwecken dienten. Für die künstlerische Gestaltung der Häuser am Dessauer Markt im Jahr 1951 konnte diese spätere Anordnung daher nicht als Grundlage dienen. Auch nach ihrem Inkrafttreten hätte sie nicht ohne Weiteres auf solche Wohnbauten angewendet werden können. Die Fassadengestaltung entstand somit unter Bedingungen, die sich nicht einfach mit einer späteren gesetzlichen Regelung erklären lassen.
Gerade das macht das Beispiel so aufschlussreich. Die Erker zeigen, dass künstlerische Gestaltung im frühen Wiederaufbau nicht nur dort vorkam, wo sie durch eine entsprechende Vorschrift ausdrücklich vorgesehen war. Sie konnte auch aus dem Zusammenwirken von Architekten, Künstlern und städtischen Auftraggebern entstehen, die sich um ein geschlossenes Erscheinungsbild bemühten. Wie genau die verfügbaren Mittel verteilt und welche Absprachen im Einzelnen getroffen wurden, ist nicht vollständig überliefert. Die erhaltenen Dokumente erlauben jedoch einen Einblick in eine pragmatische Arbeitsweise, bei der Entwürfe abgestimmt, verändert und teilweise über den ursprünglich vorgesehenen Umfang hinaus umgesetzt wurden.
Ein Rundgang über den Dessauer Markt macht deutlich, dass diese Geschichte nicht nur in Aktenordnern existiert. Sie ist an den Gebäuden selbst noch ablesbar. Wer sich den Erkern aufmerksam nähert, erkennt Unterschiede in der Oberflächenbehandlung, in den eingeschnittenen Linien und in der plastischen Ausformung der Motive. Einzelne Fassadenelemente lassen sich bestimmten Künstlern zuordnen, während bei anderen Fragen offenbleiben. Historische Fotografien aus Künstlernachlässen helfen dabei, frühere Zustände mit dem heutigen Erscheinungsbild zu vergleichen. Zugleich wird sichtbar, dass jede Restaurierung eine weitere Schicht in der Geschichte eines Werkes hinterlassen kann.
Die Erker am Markt sind ein besonders interessantes Beispiel für die Nachkriegsmoderne in Dessau. Während andere Städte mit großen, weithin bekannten Platzgestaltungen verbunden werden, handelt es sich hier um eine weniger auffällige, aber in ihrer Gesamtheit bemerkenswerte Lösung. Die Gestaltung wirkt eng mit den Wohnhäusern verbunden und erschließt sich vor allem beim genaueren Hinsehen. Sie entstand in einer Zeit, in der die Folgen der Kriegszerstörung noch unmittelbar spürbar waren und der Wiederaufbau unter schwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen bewältigt werden musste.
Vergleichbare Beispiele finden sich nach den Angaben der Projektbeteiligten auch in Eisenhüttenstadt und in der Wohnsiedlung in Dessau-Roßlau. Solche Vergleiche können helfen, einzelne Gestaltungslösungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Sie zeigen zugleich, dass sich bestimmte Ideen nicht auf einen einzigen Ort beschränkten, sondern an verschiedenen Stellen der DDR aufgegriffen und unter jeweils eigenen Bedingungen umgesetzt wurden. Welche Gemeinsamkeiten auf gemeinsame Entwürfe, persönliche Kontakte oder allgemeine architektonische Entwicklungen zurückgehen, muss im Einzelfall untersucht werden.
Die Kunstwerke am Dessauer Markt sind dabei nur ein Ausschnitt aus dem wesentlich größeren Bestand, den das Projekt erschlossen hat. Die Stadt verfügte zwischen 1949 und 1990 über eine bemerkenswerte Vielfalt an Kunst im öffentlichen Raum. Dazu gehören Arbeiten an Gebäuden ebenso wie frei stehende Skulpturen und Kunstwerke in Grünanlagen. In der Projektvorstellung wurden unter anderem plastische Tierdarstellungen am Bauhausplatz und im Stadtpark erwähnt. Auch Werke, die im Zusammenhang mit der 775-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 1988 entstanden, gehörten zu den Beispielen, auf die aufmerksam gemacht wurde.
Gerade solche Arbeiten zeigen, wie leicht Kunst im öffentlichen Raum im Alltag aus dem Blick geraten kann. Wer täglich an einer Skulptur vorbeigeht, nimmt sie mitunter kaum noch bewusst wahr. Ihr Standort wird zur Selbstverständlichkeit, ihre Geschichte gerät in Vergessenheit. Dabei können selbst vergleichsweise unscheinbare Werke viel über die Entstehungszeit, die damaligen Vorstellungen von Stadtgestaltung und die Menschen erzählen, die an ihrer Schaffung beteiligt waren. Mit der systematischen Erfassung erhalten diese Objekte einen neuen Zusammenhang. Sie werden nicht länger nur als einzelne Gegenstände betrachtet, sondern als Zeugnisse einer umfassenderen Entwicklung.
Das gilt auch für die Beziehung zwischen Kunst und Stadtplanung. Im Dessauer Stadtpark beispielsweise wurden die Kunstwerke nicht unabhängig von ihrer Umgebung aufgestellt. Wegeführungen, Durchgänge und angrenzende Gebäude konnten miteinander in Beziehung treten und so eine übergreifende Gestaltung entstehen lassen. Kunst sollte damit nicht allein einen bestimmten Platz schmücken. Sie konnte den Blick lenken, Aufenthaltsorte prägen und die Wahrnehmung eines ganzen Bereichs verändern. Die Projektarbeit betrachtete deshalb Bau- und Kunstschaffen gemeinsam. Nur so ließ sich nachvollziehen, welche Rolle ein Werk innerhalb seiner räumlichen Umgebung ursprünglich spielte und wie Veränderungen der Bebauung seine Wirkung beeinflussten.
Die Erforschung dieses Bestandes ist zugleich ein Beitrag zur Geschichte der DDR. Die Kunstwerke spiegeln die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ihrer Entstehungszeit wider, doch sie dokumentieren ebenso die handwerklichen Fähigkeiten, die gestalterischen Vorstellungen und die individuellen Entscheidungen der beteiligten Künstlerinnen und Künstler. In ihren Materialien und Techniken wird die Arbeit konkreter Menschen sichtbar. In ihren Motiven und Standorten zeigen sich die Vorstellungen, mit denen Wohngebiete, öffentliche Gebäude und Freiräume gestaltet werden sollten. Und in ihren späteren Veränderungen spiegeln sich der Umgang mit dem baulichen Erbe und der Wandel gesellschaftlicher Wertschätzung.
Lange Zeit wurden viele Zeugnisse der DDR-Kunst im öffentlichen Raum weniger intensiv untersucht, als es ihrer kulturhistorischen Bedeutung entspricht. Inzwischen rücken sie stärker in den Blick der Forschung und der Öffentlichkeit. Dabei geht es nicht darum, die politischen Bedingungen ihrer Entstehung auszublenden oder die damaligen Zielsetzungen unkritisch zu übernehmen. Vielmehr sollen die Werke in ihrem historischen Zusammenhang verstanden werden. Dazu gehört, staatliche Vorgaben ebenso zu berücksichtigen wie künstlerische Eigenständigkeit, praktische Zwänge und die Vielfalt der tatsächlich entstandenen Arbeiten.
Die Dessauer Untersuchung zeigt, welchen Gewinn eine solche differenzierte Betrachtung bringen kann. Die Erfassung hat nicht nur eine große Zahl von Kunstwerken dokumentiert, sondern auch neue Informationen über ihre Urheberschaft, ihre Entstehung und ihre Veränderungen erschlossen. Sie macht Verluste sichtbar, ermöglicht die Einordnung erhaltener Werke und legt die Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten. Zugleich wird deutlich, dass die Geschichte eines Kunstwerks nicht mit seiner Fertigstellung endet. Veränderungen an Gebäuden, Restaurierungen, Versetzungen oder Einlagerungen gehören ebenso zu seiner Überlieferung wie der ursprüngliche Entwurf.
Ein wesentliches Anliegen der Kooperationspartner war deshalb, die Forschungsergebnisse nicht allein der Fachwelt zur Verfügung zu stellen. Das Projekt sollte auch für die Menschen in Dessau-Roßlau und für Gäste der Stadt einen Zugang zu diesem Erbe eröffnen. Die Förderung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ermöglichte nicht nur die intensive Erfassung und Erforschung, sondern auch die Entwicklung eines Vermittlungsangebotes. Dafür wurden drei miteinander verbundene Formate vorgesehen: eine Webseite, eine Ausstellung und ein spezielles Angebot für Kinder und Jugendliche.
Die geplante Webseite soll eine kartengestützte Übersicht über den Bestand bieten. Über die Karte können 60 ausgewählte Werke gezielt aufgerufen werden. Ergänzende Informationen zu den Kunstwerken und ihren Urheberinnen und Urhebern sollen die Hintergründe verständlich machen. Dadurch lässt sich Dessaus Kunstbestand auch aus der Ferne erkunden. Gleichzeitig kann die Webseite Menschen bei einem Rundgang durch die Stadt begleiten. Wer ein Werk vor Ort entdeckt, soll die Möglichkeit erhalten, mehr über seine Entstehung und seine Bedeutung zu erfahren. Aus einem alltäglichen Weg kann so eine Entdeckungsreise durch die jüngere Stadtgeschichte werden.
Ein weiterer Baustein ist eine Ausstellung in der Kunsthalle Dessau, die vom Dienstag, dem 10. November, bis Sonntag, dem 15. November 2026, in Zusammenarbeit mit dem Anhaltischen Kunstverein Dessau stattfinden soll. Sie wird in das Thema einführen und 30 ausgewählte Kunstwerke aus dem Stadtgebiet vorstellen. Dabei sollen die Arbeiten in ihre jeweilige Entstehungszeit eingeordnet werden. Begleitend sind Workshops mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern sowie Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vorgesehen. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie anschließend auch an anderen Orten gezeigt werden kann. Damit soll die Beschäftigung mit dem Dessauer Bestand über die Stadt hinaus weitergetragen werden.
Besondere Aufmerksamkeit gilt außerdem den Schülerinnen und Schülern. Ein eigenes Vermittlungskonzept soll Kindern und Jugendlichen einen Zugang zur Geschichte ihrer Stadt und zum Kunstschaffen zwischen 1949 und 1990 eröffnen. Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Skulpturen oder Fassadenreliefs kennenzulernen. Junge Menschen sollen auch verstehen können, unter welchen Bedingungen diese Werke entstanden, welche Vorstellungen mit ihnen verbunden waren und warum sie heute Teil des kulturellen Erbes sind. Kunst im öffentlichen Raum bietet dafür einen unmittelbaren Zugang: Sie befindet sich nicht hinter Museumstüren, sondern begegnet den Menschen auf dem Schulweg, im Wohngebiet, auf Plätzen und in Parks.
Die Vorstellung der Projektergebnisse im Rathaus war zugleich Anlass, den Beteiligten zu danken. Neben der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt waren die Stadt Dessau-Roßlau, das Stadtarchiv, das Museum für Stadtgeschichte Dessau, die Kunsthalle Dessau und der Anhaltische Kunstverein in unterschiedlicher Weise beteiligt. Von besonderer Bedeutung waren außerdem die Menschen, die ihre Erinnerungen zur Verfügung stellten, Einblicke in Künstlernachlässe ermöglichten oder bei der Recherche halfen. Auch Eigentümerinnen und Eigentümer, die den Zugang zu den Kunstwerken gestatteten, trugen zum Gelingen der Untersuchung bei.
Solche Projekte machen deutlich, dass die Erforschung des kulturellen Erbes selten eine rein akademische Angelegenheit ist. Sie lebt vom Zusammenspiel vieler Beteiligter, von archivalischen Quellen und persönlichen Erinnerungen, von der genauen Betrachtung eines Objekts und von der Bereitschaft, scheinbar Bekanntes noch einmal neu zu untersuchen. Gerade bei Kunstwerken, die seit Jahrzehnten zum gewohnten Stadtbild gehören, können dabei überraschende Erkenntnisse entstehen. Ein Erker, an dem täglich zahlreiche Menschen vorbeigehen, kann sich als Ergebnis eines ungewöhnlichen künstlerischen Gemeinschaftsprojekts erweisen. Eine Skulptur im Park kann Verbindungen zwischen Künstlern, Architekten und städtischer Planung sichtbar machen. Und eine verschwundene Arbeit kann durch historische Fotografien wieder Teil der Stadtgeschichte werden.
Dessau eignet sich für diese Betrachtung besonders gut, weil der Wiederaufbau nach den schweren Kriegszerstörungen das Stadtbild tiefgreifend verändert hat und die Kunstwerke jener Jahrzehnte vielerorts noch in ihrem architektonischen Zusammenhang erlebbar sind. Das Nebeneinander von erhaltenen Bauten, veränderten Fassaden, Skulpturen und Freiräumen eröffnet einen Zugang zu unterschiedlichen Phasen der Stadtentwicklung. Dabei wird sichtbar, dass die Kunst im öffentlichen Raum nicht nur ein Nebenprodukt des Bauens war. Sie sollte den Lebensraum der Menschen mitgestalten und trug dazu bei, öffentliche Orte mit einem eigenen Charakter zu versehen.
Die Ergebnisse des Projektes sind deshalb auch über Dessau hinaus von Bedeutung. Sie zeigen, wie eine systematische Erfassung helfen kann, den Bestand an Kunstwerken einer Stadt nahezu geschlossen zu dokumentieren und seine Geschichte nachvollziehbar zu machen. Die gewonnenen Erfahrungen können für die Untersuchung weiterer Städte in Sachsen-Anhalt wertvoll sein. Denn auch andernorts finden sich Kunstwerke aus der DDR-Zeit, deren Urheberschaft, ursprüngliche Gestaltung oder Geschichte bislang nur teilweise bekannt sind. Die Dessauer Arbeit legt dafür eine Grundlage und verdeutlicht, welche Erkenntnisse durch die Verbindung von Archivforschung, Gesprächen mit Zeitzeugen und der Untersuchung der Werke vor Ort möglich werden.
Wer künftig durch Dessau geht, kann die vertrauten Straßen und Plätze daher mit einem anderen Blick betrachten. Hinter einer Fassade verbirgt sich vielleicht ein sorgfältig ausgearbeiteter Entwurf aus der frühen Nachkriegszeit. Eine Skulptur erinnert womöglich an die Zusammenarbeit von Künstlern aus unterschiedlichen Regionen. Und ein scheinbar nebensächliches Detail kann Hinweise auf eine längst vergangene Planungs- und Baugeschichte geben. Die systematische Erfassung macht diese Zusammenhänge sichtbar und eröffnet zugleich neue Fragen für die weitere Forschung.
So wird aus der Bestandsaufnahme ein Beitrag zur Erinnerungskultur. Die Kunstwerke der Jahre 1949 bis 1990 gehören zur Geschichte Dessaus, auch wenn ihre Entstehungszeit von politischen Widersprüchen, wirtschaftlichen Einschränkungen und wechselnden Vorstellungen geprägt war. Sie erzählen von Zerstörung und Wiederaufbau, von staatlichen Erwartungen und individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, von handwerklicher Arbeit und künstlerischer Vielfalt. Ihre Erforschung ermöglicht es, dieses Erbe weder zu übersehen noch auf eine einzige Deutung zu reduzieren.
Mit der geplanten Webseite, der Ausstellung und dem Vermittlungsangebot für junge Menschen soll die neu gewonnene Kenntnis nun in die Öffentlichkeit getragen werden. Damit erhält ein Bestand, der lange Zeit teilweise im Schatten bekannterer Bau- und Kunstdenkmale stand, eine neue Sichtbarkeit. Die Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum wird dadurch nicht nur wissenschaftlich besser dokumentiert, sondern kann auch im Alltag der Stadt neu entdeckt werden. Die Erker am Dessauer Markt sind dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Sie zeigen, wie viel Geschichte in einer Fassade stecken kann – und wie sich hinter vertrauten Formen die Arbeit, die Ideen und die Entscheidungen jener Menschen erschließen, die Dessau nach dem Krieg nicht nur wieder aufbauten, sondern auch künstlerisch gestalten wollten.
Thomas Kämmer für news24aktuell
„created with the help of AI“
Quellen:
Presseinformation des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zur Vorstellung des Kooperationsprojektes der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und des LDA über die Erfassung und Erforschung der Kunst im öffentlichen Raum Dessaus von 1949 bis 1990, sowie der Presseveranstaltung im Dessauer Rathaus und des anschließenden Rundgangs über den Dessauer Markt.
𝐌𝐞𝐡𝐫 𝐍𝐞𝐰𝐬 𝐚𝐮𝐟 news24aktuell.de
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