Ich war die Nr. 1517 - Die Biografie einer sowjetischen StraรŸenbahn

Ich war die Nr. 1517 - Die Biografie einer sowjetischen StraรŸenbahn

๐—œ๐—ฐ๐—ต ๐˜„๐˜‚๐—ฟ๐—ฑ๐—ฒ ๐—ด๐—ฒ๐—ฏ๐—ผ๐—ฟ๐—ฒ๐—ป im Jahr 1954, im Militรคrwerk Nr. 82 in Moskau, einem Ort, der nach dem Krieg nicht nur Waffen, sondern auch Hoffnung auf Rรคdern produzierte. Mein Typ war MTV-82 โ€” eine StraรŸenbahn, die aus der erfolgreichen Konstruktion des MTB-82-Trolleybusses hervorging.

Ich erinnere mich noch an den Geruch des frischen Lacks, als ich im Werk Nr.โ€ฏ82 zum ersten Mal das Licht der Montagehalle sah. Die Mรคnner dort arbeiteten schnell, aber sorgfรคltig. Sie kannten jede Schraube, jede Leitung, jedes Stรผck Stahl, das mich zu dem machte, was ich war.

Mein Wagenkasten bestand aus genieteten Stahlplatten, meine Drehgestelle waren einfach, aber zuverlรคssig, und mein Motor โ€” ein robustes Gleichstromaggregat โ€” war fรผr Jahrzehnte gebaut, nicht fรผr Komfort, sondern fรผr Bestรคndigkeit.

๐—œ๐—ฐ๐—ต ๐˜„๐—ฎ๐—ฟ ๐—ฟ๐—ผ๐—ฏ๐˜‚๐˜€๐˜, ๐˜‡๐˜‚๐˜ƒ๐—ฒ๐—ฟ๐—นรค๐˜€๐˜€๐—ถ๐—ด und fรผr die sowjetische Breitspur von 1524 mm gebaut. Mit meiner gelb-roten Lackierung und dem runden Frontdesign war ich nicht elegant, aber unverwechselbar.

โ— ๐Œ๐จ๐ฌ๐ค๐š๐ฎ: ๐ƒ๐ข๐ž ๐ž๐ซ๐ฌ๐ญ๐ž๐ง ๐‰๐š๐ก๐ซ๐ณ๐ž๐ก๐ง๐ญ๐ž

๐Œ๐ž๐ข๐ง๐ž ๐ž๐ซ๐ฌ๐ญ๐ž๐ง ๐‰๐š๐ก๐ซ๐ž verbrachte ich in Moskau, auf Linien wie der โ€žAchtโ€œ oder der โ€žRinglinieโ€œ.

Ich war Teil einer Flotte, die die Stadt nach dem Krieg wieder zusammenhielt. Ich fuhr durch Schneestรผrme, durch Sommerhitze, durch Nรคchte, in denen die Stadt kaum schlief. Die Fahrer kannten mich gut. Manche gaben mir Spitznamen, andere klopften mir auf die Seitenwand, bevor sie die Schicht begannen. Ich war ein Werkzeug, aber auch ein Begleiter. Und wenn ich im Depot stand, hรถrte ich die Geschichten der anderen Wagen โ€” manche รคlter, manche jรผnger, alle mit ihren eigenen Narben.

Ich befรถrderte tรคglich bis zu 120 Fahrgรคste, durch die breiten Alleen und engen Kurven der Hauptstadt. Die Menschen kannten mich, und ich kannte ihre Geschichten: Arbeiter, Schรผler, Soldaten, Liebespaare. Ich war Teil ihres Alltags, ein rollender Rhythmus im Takt der Stadt. โ€” 55 auf Holzbรคnken, 65 stehend.

GroรŸe Fenster lieรŸen Licht herein, die elektrische Heizung wรคrmte im Winter, und die pneumatischen Tรผren รถffneten sich zischend in den Alltag der Stadt. Mein Gleichstrommotor brachte mich auf bis zu 55 km/h, gesteuert รผber ein handbetriebenes Fahrschalter-System.

๐—œ๐—ฐ๐—ต ๐˜„๐—ฎ๐—ฟ ๐—น๐—ฎ๐˜‚๐˜, ๐—ฎ๐—ฏ๐—ฒ๐—ฟ ๐˜ƒ๐—ฒ๐—ฟ๐—นรค๐˜€๐˜€๐—น๐—ถ๐—ฐ๐—ต โ€” ein rollender Rhythmus im Takt der Hauptstadt.

Doch die Zeit verging. In den spรคten 1970er Jahren kamen neue Fahrzeuge: die Tatra T3, aus der Tschechoslowakei, moderner, leiser, mit mehr Komfort. Ich spรผrte, dass meine Tage in Moskau gezรคhlt waren.

Und dann, im Jahr 1982, fuhr ich meine letzte Runde. Kein Fest, kein Abschied. Nur ein leiser Halt am Depot.

๐ˆ๐œ๐ก ๐ฐ๐ฎ๐ซ๐๐ž ๐—ฎ๐˜‚๐˜€๐—ด๐—ฒ๐—บ๐˜‚๐˜€๐˜๐—ฒ๐—ฟ๐˜ โ€” ๐—ฎ๐—ฏ๐—ฒ๐—ฟ ๐—ป๐—ถ๐—ฐ๐—ต๐˜ ๐˜ƒ๐—ฒ๐—ฟ๐˜€๐—ฐ๐—ต๐—ฟ๐—ผ๐˜๐˜๐—ฒ๐˜.

โ— ๐Š๐ข๐ž๐ฐ: ๐Œ๐ž๐ข๐ง๐ž ๐ณ๐ฐ๐ž๐ข๐ญ๐ž ๐‡๐ž๐ข๐ฆ๐š๐ญ

Man schickte mich nach Kiew, wo ich im Depot Shevchenkivske aufgenommen wurde. ๐ˆ๐œ๐ก ๐ฐ๐š๐ซ ๐ฐ๐ข๐ž๐๐ž๐ซ ๐ข๐ฆ ๐ƒ๐ข๐ž๐ง๐ฌ๐ญ, ๐—ป๐—ถ๐—ฐ๐—ต๐˜ ๐—บ๐—ฒ๐—ต๐—ฟ ๐—ฑ๐—ถ๐—ฒ ๐—รผ๐—ป๐—ด๐˜€๐˜๐—ฒ, ๐—ฎ๐—ฏ๐—ฒ๐—ฟ ๐—ด๐—ฒ๐—ฏ๐—ฟ๐—ฎ๐˜‚๐—ฐ๐—ต๐˜. Die Fahrgรคste stiegen ein, manche mit Aktentaschen, andere mit Brotbeuteln. Die Stadt wuchs, die Linien waren voll, und ich war willkommen. Ich war nicht mehr neu, aber noch stark. Die Gleise dort waren anders, die Steigungen anspruchsvoller, die Winter feuchter. Ich lernte, mit dem Klang der Stadt zu leben: dem Rumpeln der alten Hรคuser, dem Pfeifen des Windes รผber den Dnipro, dem Lachen der Studenten, die oft zu spรคt zur Vorlesung kamen.

Die Fahrgรคste waren anders als in Moskau, aber ihre Geschichten waren dieselben: Alltag, Arbeit, Leben. Ich war nicht mehr die Jรผngste, aber ich hielt durch. Ich fuhr auf den Linien 3 und 9, manchmal auch auf der 12, vorbei am Hotel MIR, durch die grรผnen Hรผgel von Holosiivskyi.

Ich war nicht mehr die erste Wahl, aber ich war verlรคsslich. Und Verlรคsslichkeit war in jenen Jahren mehr wert als Glanz.

Ich war Teil ihres Tages, bis auch Kiew begann, mich durch modernere Wagen zu ersetzen.

Vor dem Hotel MIR wurde ich von einem ostdeutschen Touristen fotografiert, mit dem Himmel grau und der Stadt lebendig. Er hat mich gesehen, wie ich war: nicht perfekt aber echt. ๐„๐ข๐ง ๐Œ๐จ๐ฆ๐ž๐ง๐ญ ๐Ÿ๐ฎฬˆ๐ซ ๐๐ข๐ž ๐„๐ฐ๐ข๐ ๐ค๐ž๐ข๐ญ.

โ— ๐‚๐ก๐š๐ซ๐ค๐จ๐ฐ: ๐ƒ๐ข๐ž ๐ฅ๐ž๐ญ๐ณ๐ญ๐ž ๐„๐ญ๐š๐ฉ๐ฉ๐ž

Dann hieรŸ es wieder: Umsteigen. Ich wurde nach Charkow versetzt, wo man noch auf meine Dienste vertraute. Die Stadt hatte ein riesiges StraรŸenbahnnetz, und ich wurde Teil davon โ€” nicht mehr im Linienbetrieb, als Werkstattwagen, Rangierhilfe, Stromnetzhelfer. Ich war kein Personenwagen mehr, sondern ein Helfer. Ich zog defekte Fahrzeuge ins Depot, brachte Material zu Baustellen, half beim Erhalt des Netzes, das mich einst getragen hatte. Meine Sitze wurden entfernt, meine Fenster teilweise verblendet, ich wurde umlackiert, umnummeriert, umgebaut. ๐—”๐—ฏ๐—ฒ๐—ฟ ๐—ถ๐—ฐ๐—ต ๐˜„๐—ฎ๐—ฟ ๐—ป๐—ผ๐—ฐ๐—ต ๐—ฑ๐—ฎ.

Einige meiner Schwestern fuhren in Charkow bis in die 1990er Jahre, manche sogar bis 2014 als technische Fahrzeuge. Meine Lackierung verblasste. Aber mein Motor lief weiter, mein Rahmen hielt, und meine Rรคder drehten sich, solange man mich brauchte.

Ich weiรŸ nicht, wann genau ich ausgemustert wurde. Vielleicht war es ein stiller Morgen, vielleicht ein regnerischer Abend. Vielleicht hat mich jemand noch einmal berรผhrt, bevor ich endgรผltig zur Seite gestellt wurde. Aber ich weiรŸ, dass ich meinen Dienst getan habe. Jahrzehnte lang, in drei Stรคdten, fรผr Millionen Menschen, die mich nie kannten, aber denen ich ein Stรผck ihres Weges war.

Ich weiรŸ nicht, wie lange ich durch hielt. Aber ich weiรŸ:

๐—œ๐—ฐ๐—ต ๐—ต๐—ฎ๐—ฏ๐—ฒ ๐—ป๐—ถ๐—ฒ ๐—ฎ๐˜‚๐—ณ๐—ด๐—ฒ๐—ด๐—ฒ๐—ฏ๐—ฒ๐—ป.

๐Œ๐ž๐ก๐ซ ๐๐ž๐ฐ๐ฌ ๐š๐ฎ๐Ÿ news24aktuell.de

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